News vom 06.12.2019

Neuer Vereinsvorsitzender Bernhard Bauer im Interview

„Viele Menschen faszinieren“

Seit August 2019 ist Bernhard Bauer im Amt als Vorsitzender des Vereins Bahnprojekt Stuttgart–Ulm. Im Interview spricht er über die neue Ausstellung – und macht deutlich, dass es sein Ziel ist, eine neue Begeisterung für das Bahnprojekt zu wecken.

Herr Bauer, Sie waren früher als Handballtorwart in der Bundesliga aktiv. Können Sie notfalls auch den Regisseur im Rückraum geben, der mit den S21-Partnern aus der Politik am Kreis passtechnisch bestens harmoniert?

Bernhard Bauer: Ein Torwart wehrt im Handball nicht nur Bälle ab, sondern eröffnet auch das Spiel und kann auch den entscheidenden Pass geben. Im Übrigen kann man auch im Handball nur gemeinsam erfolgreich sein. So interpretiere ich dieses Spiel und so sehe ich meine neue Rolle hier an der Spitze des Vereins.

Manchmal braucht es freilich auch den Verteidiger – das Projekt hat ja nicht nur Freunde.

Bernhard Bauer: Wir kümmern uns als Verein um beide – um jene, die unsere Freunde sind, und auch um jene, die uns kritischer gegenüberstehen. Damit ist auch schon eine Aufgabe des Vereinsvorsitzenden gestreift: es geht vor allem darum, zu moderieren. Und es geht darum, zu koordinieren und dieses Projekt in seiner ganzen Faszination darzustellen, ohne dabei zu verschweigen, dass es auch Themen gibt, die auf dem Weg zur Fertigstellung durchaus herausfordernd sind. Für jene, die bauen, wie für jene, die davon betroffen sind. Dabei hat das Team des Vereins in der Vergangenheit schon sehr gute Arbeit geleistet. Darauf lässt sich aufbauen.

Wie bewerten Sie das Verhältnis unter den S21-Partnern? Gibt es Neuerungen unter Ihrer Regie?

Bernhard Bauer: Zunächst einmal ist es wichtig, das Bewährte zu erhalten. Das tun wir. Ich kenne das Kommunikationsbüro fast seit den Anfängen, meine Vorgänger in diesem Amt haben viel geleistet und den Schwerpunkt auf die direkte Kommunikation gelegt. Wir müssen das Rad deshalb hier nicht komplett neu erfinden. Ich möchte das Projekt in Zukunft allerdings noch greifbarer und besser erlebbar machen. Nehmen Sie beispielsweise die Diskussion über die Bahnsteigneigung, die vor einiger Zeit aufkam. Dabei hat so mancher Kritiker die Situation als gefährlich beschrieben. Das hat Ängste in der Bevölkerung geschürt. Wenn man allerdings das erste Mal selbst auf der Baustelle ist und nicht nur vom Hörensagen geleitet wird, wenn man direkt vor Ort den neuen Bahnsteig sieht, dann wird man feststellen, dass hier keine Kinderwägen davonrollen und auch sonst keine Gefahren bestehen. Viele kritisch betrachtete Themen lassen sich bei genauem Hinsehen anschaulich machen und aus der Welt schaffen. Darin sehe ich eine zentrale Aufgabe.

Sie haben einst als Landesbeamter aktiv an der Schlichtung mitgewirkt und kennen das Projekt, das als nicht leicht zu managen gilt, seit vielen Jahren. Was hat Sie am Ende bewogen, dieses doch recht schwierige Amt anzutreten?

Bernhard Bauer: Ich kenne dieses Projekt seit den Anfängen der Planung in den späten Achtzigern. In der Schlichtung habe ich viele Facetten im Für und Wider kennengelernt und bin nach wie vor von Stuttgart 21 und der Neubaustrecke fasziniert. Was mich davon überzeugt, ist, dass dieses Projekt nicht nur für Stuttgart, sondern für die ganze Republik ein Gewinn ist, weil wir hier ein Projekt der kurzen Wege verwirklichen. Das ist für den Kunden wichtig und die Infrastruktur ist die Grundlage für kurze Verbindungen ohne Umstiege. Bahnfahren wird dadurch wesentlich attraktiver. Wir werden viele Menschen zum Umsteigen vom Auto auf die Bahn bringen, denn die Vorteile werden für sich sprechen. Wenn ich künftig von Stuttgart nach Ulm kaum mehr als 30 Minuten brauche, dann ist das kürzer als eine Fahrt von den erweiterten Stuttgarter Außenbezirken in die City. Das wird sich herumsprechen und zur Änderung von Gewohnheiten führen. Kurze Wege wird es aber auch in der baden-württembergischen Landeshauptstadt selbst geben. In Stuttgart entstehen ganz neue Wohnflächen mitten im Zentrum. Das ist klimafreundlich, weil man nicht auf der grünen Wiese in den Randgebieten der Stadt bauen muss und damit Pendlerverkehr produziert. In Summe ist dieses Projekt zukunftsgerichtet, es ist ein ökologisches Projekt und es ist ein Projekt, das alle Unterstützung verdient. Genau deshalb bin ich hier und mache diese Arbeit.

Ökologie ist in Zeiten, in denen alle von Klimawandel reden, ein geflügeltes Wort. Haben Sie es deshalb benutzt?

Bernhard Bauer: Nein, ich habe es benutzt, weil dieses Projekt wirklich ökologisch ausgerichtet ist. Wenn Menschen vom Auto auf die mit Ökostrom fahrende Bahn umsteigen, trägt das zur Reduzierung von Schadstoffen in der Luft bei. Zudem können mehr Menschen durch das Projekt genau dort wohnen, wo sie arbeiten. Innenentwicklung statt Außenentwicklung. Würden diese Flächen in der City nicht frei durch Stuttgart 21, müssten im
gleichen Umfang auf der grünen Wiese rund 60 Hektar überbaut werden. Nebenbei ist es möglich, mitten in Stuttgart beim Bauen neue ökologische Standards zu setzen. Jene, die in die neuen Häuser einziehen, können zu Fuß zur Arbeit in die City gehen, das Rad nehmen oder die S-Bahn. Ökologisch ist auch, dass wir durch das Fahren der Züge unter der Erde weniger Lärm in der Stadt haben, dass wir mehr Grünflächen haben werden, wenn der Rosensteinpark nach dem Wegfall der oberirdischen Gleise um 20 Hektar erweitert wird. Dieses Projekt ist durch und durch ökologisch.

Gut gesprochen. Kennen Sie eigentlich den Elevator-Check?
Bernhard Bauer: Nein, helfen Sie mir auf die Sprünge.

Es geht darum, innerhalb einer nur wenige Sekunden währenden Aufzugfahrt für etwas zu werben, auf dass derMitfahrer im Aufzug nachhaltig von den  Argumenten überzeugt wird. Nennen Sie doch mal die Kernargumente für den neuen Bahnknoten im Aufzugtempo.

Bernhard Bauer: Nach 170 Jahren wird die Bahninfrastruktur erneuert, schnelle und direkte Verbindungen von Knoten zu Knoten, attraktive Mobilität, weniger Lärm, leistungsfähiger Schienenverkehr für die Zukunft, Schaffung von Wohnraum in der City, kurze Wege, mehr Grünflächen, Reduzierung der Luftbelastung. Nachhaltige Mobilität im besten Sinne …

… gerade ist die Aufzugtüre aufgegangen …

Bernhard Bauer: … das trifft sich gut, denn ich bin das
Wichtigste losgeworden …

… was hätten Sie noch gerne angefügt?

Bernhard Bauer: Ich würde gerne noch ein bisschen stärker auf das neue Rosenstein-Quartier eingehen, das ein Modellviertel mit 7.500 Wohnungen werden kann. Ein ökologisches, urbanes, lebendiges Stadtquartier, das europaweit zum Vorbild für neue Wohnformen dienen könnte. Dies ist wirklich eine einmalige Chance für die Stadt Stuttgart, die sich als Eigentümerin der Flächen in der besonderen Situation befindet, selbst gestalten zu können. Nach allem, was man bisher vernehmen kann – es hat ja ein Wettbewerb stattgefunden – wird hier ein tolles Leuchtturmprojekt entstehen.

Leider ist das, was bisher neben und um den Stuttgarter Hauptbahnhof entstanden ist, nicht dazu angetan, in Jubelarien zu verfallen. Können Sie verstehen, dass da manche Leute skeptisch sind und sagen, da wird bestimmt wieder reichlich grauer Beton verbaut?

Bernhard Bauer: Ich kann das gut verstehen. Das Europaviertel halte ich offen gestanden für eine vertane Chance. Das soll und darf sich nicht wiederholen. Dieses Thema hat der Oberbürgermeister Fritz Kuhn mit seiner Mannschaft allerdings sehr gut im Blick. Da können Sie sicher sein. Es wird ein beispielhaftes Quartier entwickelt.

Tue Gutes und rede darüber – leider gibt es derzeit kein Schaufenster für das Projekt. Das Turmforum ist schon seit einiger Zeit geschlossen. Wann wird die neue Schau eröffnet und was erwartet den Besucher?
Bernhard Bauer: Es ist in der Tat schade, dass wir eine Übergangszeit haben, in der es keine Ausstellung gibt. Stand heute werden wir das neue Schaufenster im kommenden Frühjahr direkt neben der Baustelle eröffnen. Zugleich gibt uns der Umzug die Chance, etwas Neues zu
machen. Ende März wird die neue Ausstellung eröffnet. Wir werden dort die Erfahrungen aus dem Turmforum mitnehmend neue interaktive Elemente präsentieren, die für die Besucher interessant sind und das Projekt in einer neuen Dimension erlebbar machen. Zudem ermöglichen wir es unseren Partnern, ihre Themen und Akzente zu setzen, sodass es ein rundes Bild gibt. Dazu gehören S-Bahn-Verbindungen, die digitale Signaltechnik ETCS, die Geschichte des Projekts, die Entwicklung des neuen Rosenstein-Quartiers. Das wird eine besondere Ausstellung, die Besucher können sich darauf freuen.

Hat auch der Widerstand gegen das Projekt einen Platz?

Bernhard Bauer: Ja, das hatte er bisher und wird er wieder haben! Zur Geschichte dieses Projekts gehört auch der Widerstand gegen Stuttgart 21.

Ihr Vorgänger Georg Brunnhuber hat zuletzt beklagt, dass die finanzielle Sicherung des Vereins nicht geklärt sei. Sind Sie da weitergekommen?

Bernhard Bauer: In der Zwischenzeit habe ich viele Gespräche geführt. Es gibt die begründete Hoffnung, dass wir in naher Zukunft einen Haushaltsplan vorlegen können, der die nötige Planungssicherheit ermöglicht.

Was sind Ihre Ziele für die nächsten Jahre?

Bernhard Bauer: Wir wollen die Menschen über dieses besondere Projekt nicht nur informieren, sondern möglichst viele davon auch begeistern. Es ist mein ganz persönliches Ziel, eine neue Begeisterung für dieses herausragende Infrastrukturprojekt zu wecken. Ich bin mir sicher, dass Stuttgart 21 und die Neubaustrecke sehr viele Menschen faszinieren werden, vor allem dann, wenn die Bauarbeiten vorbei sind und der Betrieb startet. Ähnlich war das auch bei der Messe, gegen die es viele Demonstrationen gegeben hat. Heute redet niemand mehr davon und alle pendeln begeistert zur CMT. Es wird auch bei Stuttgart 21 der Tag kommen, an dem die Leute im Rückblick gesehen die weisen Entscheidungen derer loben werden, die dieses zukunftsträchtige Projekt auf die Schiene gebracht haben.